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Zu wenig freie Zeit in der Freizeit

Kinder – Gefüllte Terminkalender kennen nicht nur beruflich engagierte Erwachsene, sondern bereits Volksschul- und Kindergartenkinder. Worauf Eltern achten sollten, damit sie den Nachwuchs nicht von der Förderung in Richtung Überforderung dirigieren – denn das kann schwerwiegende Folgen haben.

Eltern möchten für ihr Kind das Beste. Doch was ist das Beste, wenn es um seine Entwicklung geht? Anstatt der Beantwortung dieser Frage nachzugehen, scheinen viele Mütter und Väter nach dem Motto „nur nichts versäumen“ zu agieren. Dem Kind wird viel geboten – musisch, sportlich, kulturell. Ob musikalische Frühförderung, Kinderturnen, kreativer Tanz, Englisch für Kleinkinder, Ballett, Waldspielgruppe, Kinderschwimmen oder Malwerkstatt: Das Angebot ist groß und bereits im Kindergartenalter kaum zu überblicken. Für Schulkinder ist die Pallette an Möglichkeiten noch größer: Musikschule, Sportverein und andere Hobbys sorgen für volle Terminkalender.

Zu viele Termine führen zu weniger Selbstwert

Zu wenig ist dann nur mehr eines: die Freizeit, nämlich echte freie Zeit. Einen Nachmittag ohne Termin und ohne vorgegebenes Programm, einfach Zeit, in der sie tun und lassen können, was sie wollen. „Wenn das Leben so getaktet ist, gibt es den Kindern dauernd das Gefühl, dass sie nicht richtig sind“, sagt die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Andrea Holzer-Breid. „Das nimmt ihnen etwas von ihrem Selbstwert“, so Holzer-Breid, verantwortlich für den Bereich Bildung in den diözesanen Beratungsstellen „Beziehungleben“. Viele Eltern würden glauben, das Gegenteil sei der Fall. „Kinder gewinnen an Selbstwert, indem sie Zeit haben, in der sie tun können, was sie wollen. Wenn sie das Gefühl haben, über ihre Zeit selbst bestimmen zu können“, sagt die Expertin. 

Doch warum gibt es so viele Eltern, die ihre Kinder so gut wie möglich fördern möchten und dabei die Grenze zur Überforderung überschreiten? Zum einen können dabei eigene Sehnsüchte eine Rolle spielen. „Dinge, die sie selber nicht geschafft haben, oder Wünsche, die in der eigenen Kindheit verwehrt geblieben sind, werden dann oft über die Kinder ausgelebt“, weiß Holzer-Breid. Zum Zweiten ist es der allgemeine Leistungsdruck, der in der Gesellschaft herrscht. „Dabei geht es um Optimierung. Auch Kinder müssen dann schon in diesem Strom mitschwimmen“, sagt die Familienberaterin. Wenn alles auf frühe Förderung hinausläuft, um nur ja kein Talent unentdeckt oder eine Schwäche unbeackert zu lassen, ist Druck vorprogrammiert. „Kinder tun viel für Anerkennung, sie wollen ihren Eltern gefallen, auch wenn es ihnen eigentlich zu viel ist. Es kann aber auch sein, dass Kinder das gar nicht merken und einfach tun, was ihnen gesagt wird. Kinder sind ja sehr unterschiedlich strukturiert“, sagt Andrea Holzer-Breid. 

Belastungsgrenzen kennen und akzeptieren

Ein Zuviel an Freizeitprogramm und Förderung, die in Überforderung ausartet, kann schwerwiegende Folgen haben: „Es besteht die Gefahr, dass überforderte Kinder schon als junge Erwachsene total blockieren und plötzlich gar nichts mehr wollen, weder arbeiten noch studieren. Das ist ein Phänomen, das schon oft zu beobachten ist.“ Kindern sollte daher ermöglicht werden, auf sich selbst zu hören und ihre Grenzen kennenzulernen. 

Das Hineinspüren, wie viel für ein Kind in Ordnung ist, ist Aufgabe der Eltern. Die Fachwelt spricht von „intui­tiver elterlicher Kompetenz“, wenn sich Eltern empathisch einfühlen und die richtigen Konsequenzen daraus schließen können. Je jünger das Kind desto weniger ist es dazu selbst imstande. „Was nehme ich bei mir wahr und was bei meinem Kind? Was wäre meinem Kind jetzt hilfreich und was würde die Situation schlimmer machen? Diese Fragen sollte man sich immer wieder stellen, sie stärken die Intuition“, sagt die Beraterin. 

Kritik an der Konsum- und Leistungsgesellschaft übt auch die Kinder-,
Jugendlichen- und Elternberaterin Anita Merl vom OÖ. Familienbund. „Digi-
tale Medien verstärken den Druck, in der Freizeit etwas zu erleben und teilhaben zu müssen. Was man früher nur der Nachbarin erzählt hat, wird heute über soziale Netzwerke öffentlich gemacht.“ 

In den Medien sehr präsent sei auch die Bedeutung der ersten Lebensjahre. So greife rasch die Angst um sich, in punkto Nachwuchsförderung etwas zu versäumen, meint Merl. Trotzdem informieren sich nur die wenigsten Eltern darüber, was die Entwicklung eines Kindes anbelangt. Die Beraterin – selbst sechsfache Mutter – nimmt aber ebenso wahr, dass berufstätige Eltern ihre Kinder mangels Betreuungsmöglichkeiten durch Freizeitaktivitäten „versorgt“ wissen wollen. 

Keine Welt für Kinder in der Gesellschaft

Generell sei die heutige Gesellschaft wenig kinderfreundlich. „Kinder sollen funktionieren wie kleine Erwachsene“, kritisiert Merl. Kindern ihre eigene Welt zuzugestehen heißt auch, ihnen Raum für ihre reiche Fantasie und Kreativität zu geben. Nicht selten führt der Weg dahin über die pure Langeweile. Dazu braucht es aber zwei Dinge: Eltern, die auch gelangweilte Kinder gut aushalten können, und vor allem Zeit, in der das Ganze passieren kann.